Was deutsche Sender von NPR lernen können

(Foto: Felix Hügel)

Ich bin gespannt, welche neuen Wege das Deutschlandradio in Zukunft im Internet gehen wird. Intendant Willi Steul hat am Mittwoch bei einem Vortrag in Leipzig angekündigt, dass sich dort in Zukunft einiges verändern wird. Gerade würden Strukturen innerhalb des Hauses verändert, damit u.a. der Web-Auftritt des Deutschlandradios modernisierungsfähiger werde. Ich glaube allerdings nicht, dass in absehbarer Zeit das Deutschlandradio oder irgendein anderer öffentlich-rechtlicher Sender in Deutschland an das herankommt, was NPR in den USA gerade macht. NPR hat übrigens keine GEZ-Finanzierung wie die öffentlich-rechtlichen Wellen in Deutschland. Der Sender ist u.a. von Sponsoring, vor allem aber von den Spenden der über 26 Millionen Hörer abhängig. Der Sender wurde von Mashable.com meiner Meinung nach zu Recht als die Zukunft der Mainstream-Medien bezeichnet. Denn er konzentriere sich auf lokale Berichterstattung, fokussiere sich auf Social Media und biete seinen Hörern und Nutzern einen fast allumfassenden Zugang zu seinen Inhalten.
Der erste Punkt lässt sich nicht wirklich auf die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland übertragen, weil die Strukturen vollkommen anders sind. NPR ist im eigentlichen Sinne auch kein Sender, sondern ein zentraler Inhaltsproduzent für die lokalen Partnerstationen. Zwar hat NPR nicht mit einem Ungetüm wie dem Rundfunkänderungsstaatsvertrag zu kämpfen, die anderen beiden Punkte sind jedoch auch für uns in Deutschland ziemlich interessant:
Social Media
NPR nutzt Social Media in all seinen Facetten. Der Sender ist z.B. bei Twitter sehr aktiv. Der offizielle Politik-Account hat mehr als 1,8 Millionen Follower, über 800.000 Leute mögen die NPR-Seite bei Facebook. Es gibt eine eigene NPR-Community, Der Sender betreibt verschiedene Blogs und hat mehrere Smartphone-Apps und eine iPad-App herausgegeben. All das macht die ARD doch auch, könnte man meinen. Doch ich glaube, dass kein deutscher Sender die Möglichkeiten, die diese Techniken bieten, so verstanden und umarmt hat, wie es NPR tut. Ein kleines Beispiel: NPR nutzt die Community auch sinnvoll für die eigene journalistische Arbeit, zum Beispiel wurde zum Faktenchecken nach einer TV-Debatte zur Präsidentschaftswahl aufgerufen. Wer ein Ergebnis hatte, sollte es über Twitter mitteilen. Schwer vorstellbar, dass es so etwas bald auch im Deutschlandradio gibt. Intendant Steul bemühte sich jedenfalls am Mittwoch in Leipzig herauszustellen, dass die Arbeit der ARD-Journalisten für Qualität stehe und dass man den Einzelbeiträgen im Internet in der Regel nicht vertrauen könne. Das hat er auch noch einmal im Interview mit mephisto 97.6 wiederholt. Das Deutschlandradio hat es übrigens immer noch nicht geschafft, mit all seinen drei Wellen selbst bei Facebook präsent zu sein. Das führt dazu, dass es mittlerweile inoffizielle Facebook-Seiten von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur gibt. Selbst das junge Programm DRadio Wissen hatte erst rund ein Jahr nach Sendestart seine eigene Facebook-Seite.
Offenheit
NPR will mit seinen Inhalten dorthin kommen, wo die Hörer sind – vollkommen egal, ob das nun im Radio oder online ist. Und die Hörer sollen die Inhalte so nutzen können, wie es ihnen am besten passt. So können sie sich zum Beispiel aus dem großen Angebot ihren individuellen Podcast zusammenstellen. Außerdem gibt es eine Schnittstelle (API) für die eigenen Inhalte, die von den Nutzern dann z.B. geremixt oder anders verwendet werden können. Herausgekommen ist dabei zum Beispiel das Mashup NPRbackstory, das sich durch die Archive wühlt, um Hintergründe zu aktuellen Themen („trending topics“) zu finden. Der Mann, der das Mashup privat entwickelt hat, arbeitet mittlerweile übrigens bei NPR. Auch so kann man im Rundfunk Personalpolitik betreiben.
Und dann noch der neueste Clou: NPR hat den Code für seine Android-App öffentlich zugänglich gemacht, so dass Entwickler damit arbeiten können und das Produkt erweitern und verbessern können:
„In the spirit of the Android operating system, we’ve decided to make the code for NPR’s app public. We believe this matches perfectly with NPR’s public service mission. Public media implies our audiences have a stake in our product, and open source projects are a means to better connect to our stakeholders. We want to connect with you.“


Und NPR beweist übrigens auch, dass es trotz seriöser Inhalte Humor hat:
Hinweis: Eine ähnliche Version dieses Artikel hatte ich bereits am 4. Juni 2010 in meinem Posterous-Blog veröffentlicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.