Wir wollten das Radio neu erfinden

Die mephisto-Chefredaktion im Sommersemester 2209

Und es hängt immer noch – das Foto der Chefredaktion im Sommersemester 2009: Katja Schmidt, ich und Madeleine Meier.

Am 30. Mai hat mephisto 97.6 seinen 20 Geburtstag gefeiert. Ein Sender, der immer mehr sein wollte, als nur ein Uni-Radio. Drei Jahre lang durfte ich als Reporter, Moderator, Onliner, Ressortleiter und Chefredakteur mit dabei sein. Zum Jubiläum habe ich zurückgeblickt in eine Zeit voller Umbrüche.

Change is coming to mephisto

Es ist diese E-Mail-Adresse. Wenn ich an die Zeit bei mephisto 97.6 zurückdenke, kommt mir regelmäßig diese E-Mail-Adresse in den Sinn: change@mephisto976.de. Jeder mit einer zukunftsweisenden Idee für den Sender sollte uns schreiben – oder am besten gleich bei uns vorbeikommen. Eingerichtet hatten wir die Adresse, als wir im Oktober 2008 aus den USA zurückkamen. Wahlkampf-Berichterstattung in Athens (Ohio), Washington und New York.

Wir haben darüber berichtet, wie Barack Obama ein ganzes Land und seine politische Kultur verändern wollte. Change is coming to America. Wir waren jedenfalls euphorisch, wollten den Wandel auch nach Leipzig bringen. Wir wollten das Radio zwar nicht neu erfinden – doch eigentlich schon, eigentlich wollten wir das. Zumindest ein bisschen. mephisto sollte frischer klingen. Wir wollten neue Darstellungsformen. Einen neuen Claim. Ein neues Sounddesign. Mehr selbst recherchierte Themen. Musik nicht mehr von CD spielen, vielleicht ganz andere Musik spielen. Wir wollten Radio und Online verschmelzen, Videojournalismus einführen. Bloggen, twittern, bei Facebook aktiv sein.

Ich, das ist der erste Hörfunk-Master als Chefredakteur. Wir, das ist die erste Chefredaktion bei mephisto, die komplett aus Bachelor- und Master-Studenten bestand. Und nicht nur in die Chefredaktion waren die Bachelor- und Master-Studenten eingezogen, sondern nach und nach auch in den kompletten Sender – wenn auch noch nicht mit so einem hohen Anteil wie bei uns.

Das Problem dabei für einen Sender wie mephisto: Er ist darauf angewiesen, dass Semester für Semester Studenten ihre Zeit opfern, um Programm zu machen, neue Redakteure auszubilden, den Laden am laufen zu halten. Ein Bachelor-Studium geht nur drei, ein Master sogar nur zwei Jahre. Die klassische mephisto-Karriere sah bislang aber so aus: mindestens ein Semester Mitarbeiter und danach Redakteur vom Dienst, dann vielleicht ein Semester Ressortleiter, eventuell sogar noch zwei Semester Chefredaktion.

Fluktuation.fm

Manche von den älteren Magisterstudenten blieben mindestens zwei, drei oder sogar vier Jahre und länger im Sender. Ich habe viele Geschichten von mephistos gehört, die den Sender so für eine Weile geprägt haben. Doch solche Zeiträume lassen sich nicht ganz so einfach mit einem vollgepackten und modularisierten Studium verbinden. Unser Eindruck war: Die Fluktuation ist höher, die Mitarbeiter haben seltener Zeit, wollen sich weniger gerne für eine längere Zeit binden. Und wenn wir sie nicht gleich zu
Studienbeginn für den Sender gewinnen, wird die Zeit zu knapp, um sie zu Ressortleitern oder gar Chefredakteuren zu machen. Das Rückgrat des Senders war also in Gefahr.

Deswegen ruhte wohl auch viel Hoffnung auf uns Hörfunk-Mastern. Ziel des Studiengangs war es, „auf leitende Tätigkeiten in Hörfunkredaktionen, Online-Redaktionen sowie in Pressestellen“ vorzubereiten. Dass die Programmdirektion uns mindestens zu Ressortleitern machen wollte, hat sie eindeutig klargemacht – ein Studiengang als eine Art Existenzsicherung für den Sender. Die Idee des Masters war es, dass wir mit klarem Praxis-Bezug studieren, Verantwortung im Sender übernehmen und am Ende dafür einen Abschluss bekommen.

Doch in der Realität ist das nur bedingt aufgegangen. Ein Semester Ressortleitung oder gar das Jahr als Chefredakteur im Studium angerechnet bekommen? Das ging nicht wirklich, haben uns die Verantwortlichen gesagt. Ich habe das nie verstanden – gerade weil unsere Uni-Veranstaltungen ja Überschriften wie „Radiopraxis“ oder „Redaktionsmanagement“ getragen haben. Ressortleiter und Chefredakteur bei mephisto und nebenbei das Vollzeitstudium im Hörfunk-Master, das ließ sich nicht kombinieren. Und so habe ich, wie viele andere vor und nach mir, etwas länger für meinen Abschluss gebraucht.

mephisto ist ein Tanker

mephisto ist ein Tanker – das war meine Erkenntnis. Er ließ sich nur schwer vom gewohnten Kurs abbringen. Er geht aber so schnell nicht unter, auch wenn es mal schwieriger wird. Am Ende ließ sich selbst jede noch so große Lücke im Dienstplan doch noch füllen – auch wenn wir dabei manchmal echt ein schlechtes Gewissen hatten. Zum Beispiel, wenn wir sogar Ehemalige angebettelt haben, noch mal eine Sendung zu moderieren und sie aus der Bibliothek holen mussten, wo sie an ihrer Abschlussarbeit saßen.  

An einem Punkt wurde mir aber besonders deutlich, dass Anspruch und Wirklichkeit oft nicht mehr zusammenpassten: Wer Nachrichten sprechen oder moderieren wollte, musste üben und warten – soweit so gut, so war das wohl schon immer. Manchmal dauerte das aber so lange, dass die Mitarbeiter schon bald wieder mit dem Studium fertig waren, wenn sie es endlich ins Programm geschafft hatten.  

Mit solchen Fragen und auch mit Dienstplanlücken haben wir uns oft beschäftigt. Und am Ende hatten wir genug damit zu tun, den Wandel um uns herum zu managen – für den Wandel, der uns vorschwebte, blieb weniger Zeit als erhofft. Den Hörfunk-Master gibt es übrigens mittlerweile schon nicht mehr, mephisto sendet immer noch.

Diesen Text habe ich für das Buch „Wer zum Teufel sind Sie? Geschichten aus 20 Jahren mephisto 97.6“ geschrieben, erschienen im Vistas Verlag.

Wow. It's Quiet Here...

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